sino AG | nicht Fisch, nicht Fleisch

Bereits im September 2013 habe ich im Artikel ‚Low Price Broker schwebt – High End Broker klebt‘ das auf Heavytrader abzielende Geschäftsmodel der sino AG in Frage gestellt. Die zwischenzeitliche Entwicklung, besonders im Hinblick auf die jüngste Gewinnwarnung, gibt mir vorerst recht. Das es im Online Brokerage auch anders geht, zeigt zum einen die im o.g. Artikel erwähnte Nordnet aus Schweden, wie auch die Norddeutsche Commerzbank-Tochter comdirect, welche gerade erst wieder steigende Zahlen aus dem operativen Geschäft zu vermelden hatte.
sino
Ebenfalls im September 2013 verkündete die sino AG die komplette Einbringung der tick-TS AG als Sacheinlage, mit entsprechend positiven Auswirkungen auf das Eigenkapital und die künftige Ergebnisentwicklung der sino AG, was aus meiner Sicht für eine Neuausrichtung und -bewertung der sino AG sprach. Als der Vorstand dann zur Hauptversammlung(HV) im März 2014 die Quartalszahlen bekannt gab, war klar, dass die positiven Effekte der Sacheinlage kein Einmal-Effekt zum Jahresabschluss 2013 waren, sondern sich im folgenden, jetzt laufenden, Geschäftsjahr fortsetzen. Der Vorstand hatte geliefert und legte sogar noch nach, als er im Rahmen der HV ankündigte, dass auch das laufende Jahr mit vergleichbaren Ergebnissen schließen werde und auch eine ähnlich hohe Dividende (0,30 bis 0,43) wie für das Vorjahr (0,55) angestrebt werde. Die Neubewertung der Aktie schien perfekt, bis zur Gewinnwarnung vom 01.09.2014, nach welcher die Aktionäre wahrscheinlich schon froh sein dürften, wenn die Dividende wenigstens noch bei 0,20 bis 0,25 €/Aktie liegt. Das war es dann erst mal mit der Neubewertung der sino AG.

Die Gewinnwarnung wurde nötig, da nach Monaten schwindender Depotzahlen und Transaktionen nun ein Niveau erreicht wurde, welches das Erreichen der gesteckten Ziele bei Umsatz und Gewinn äußerst fraglich erscheinen ließ. Fraglich erscheinen einem, hinsichtlich der sinkenden Tradezahlen, auch die zwischenzeitlichen Bekundungen der Vorstände, am bisherigen Geschäftsmodel mit der ausschließlichen Ausrichtung auf Heavytrader festzuhalten. Jenen Heavytrader, die derzeit so gar nicht heavy traden.
sino Vergleichschart10 Jahre börsennotierte sion Aktie | ein Vergleich mit Nordnet, comdirect und DAB | Chart: Market Maker

Von Neuausrichtung also keine Spur. Weder im Bereich Online-Brokerage, wo man sich beispielsweise weiteren Kundengruppen öffnen, oder in andere Märkte vorstoßen könnte, noch in Sachen tick-TS AG. Letztere hätte durchaus das Zeug, die sino AG mehr nach Finanz-IT-Dienstleister aussehen zu lassen. Immerhin ist FinTech an der Börse gerade sehr en vogue, was man von Online-Brokern weniger sagen kann. Die hatte ihre große Zeit in der New Economy Ende der 1990er Jahre. Bleibt zu hoffen, dass sino hier noch ein Einsehen hat und eine Neuausrichtung forciert, sei es in Richtung FinTech und/oder im Brokerage. Dann klappt es auch mit der Neubewertung der sino Aktie.

Bisher reichen die Ergebnisbeiträge der tick-TS AG offensichtlich (noch) nicht aus, um die sinkenden Tradingumsätze zu kompensieren. Oder anders herum betrachtet, sind die Rückgänge im Tradingbereich so gravierend, dass sie durch die IT-Umsätze nicht mehr aufgefangen werden können. Das sollte einen zu denken geben, denn im aktienscheuen Deutschland läuft es an der Börse derzeit so schlecht nicht. Will sagen: sehr viel besser wird das Börsenumfeld nicht. Und wenn das derzeitige Umfeld nur zu solch bescheidenen Resultaten führt, darf man auch mal überlegen, das Brokerage beispielsweise an ConSors abzutreten (deren Mutter BNP ist ja gerade im Shopping-Laune (siehe DAB)) und dafür den IT-Bereich unter dem Schlagwort FinTech weiter auszubauen. In der jetzigen Konstellation jedenfalls ist sino aus Anlegersicht weder Fisch, noch Fleisch.

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Dieser Artikel wurde vorab als Gastbeitrag unter dem Titel „sino AG: So könnte die Aktie ins Laufen kommen“ für das Nebenwerte-Portal Boersengefluester veröffentlicht.

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Dies ist keine Kauf-/Verkaufsempfehlung! Der Autor, sowie die five-alive AG, bieten keine Finanzdienstleistungen an. Der Autor, oder ihm nahestehende Personen oder Institutionen halten derzeit keine Aktien der oben genannten Unternehmen und planen keine Transaktionen in den nächsten 48 Stunden.